Louise Warneford aus England: 18 Fehlgeburten und dann ein Baby: „Das war es wert“




18 Fehlgeburten, bevor Louise Warnefords Sohn William auf die Welt kam, 18! Diese Zahl steht für so viel Schmerz, Widerstandsfähigkeit und Hingabe und ist gleichzeitig für die meisten Menschen kaum vorstellbar.

Es ist erstaunlich, wie Sie das durchgestanden haben und nach all dem mit ihrem Buch „Baby Dreams“ anderen Frauen helfen wollen.
Louise Warneford: Es ist ein schwieriges Thema, über das bisher zu wenig gesprochen wird. Ich möchte dieses Tabu brechen. Ich möchte nicht, dass Frauen sich so allein fühlen wie ich, als ich meine Fehlgeburten durchgemacht habe. Ich will ihnen zeigen: Du bist nicht allein. Du bist nicht kaputt. Dein Körper hat dich nicht verraten. Wenn du darüber sprechen möchtest, solltest du es dürfen. Wenn du nicht darüber sprechen möchtest, ist das auch in Ordnung. Ich will Frauen, die das durchmachen, unterstützen, ihnen Hoffnung geben. Ich habe William erst bekommen, als ich 48, fast 49 war. Und ich möchte, dass das anderen Frauen Hoffnung gibt, die unter wiederholtem Schwangerschaftsverlust leiden, weil das eine sehr brutale Emotion ist, eine sehr, sehr brutale Emotion.

Fehlgeburten kommen häufiger vor. Wiederholte Fehlgeburten sind dagegen sehr selten. Ein Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter erleben wiederholte Fehlgeburten. Für diese Frauen hab ich das Buch geschrieben. Eine Fehlgeburt ist sehr schmerzhaft: Man hat das Gefühl, dass niemand einen versteht – und natürlich können es nur die verstehen, die es selbst erlebt haben.

Es ist eine sehr stille, sehr persönliche Trauer“

Können Sie versuchen, das Gefühl nach einer Fehlgeburt zu beschreiben?
Warneford: Die Einsamkeit, die man fühlt ist brutal, weil man denkt, man ist die Einzige, die das durchmacht. Ich habe mich wie ein Außenseiter gefühlt, wenn ich eine Fehlgeburt hatte. Ich war die ganze Nacht wach und habe gedacht: Warum passiert mir das? Warum kann ich nicht aufhören, zu weinen? Warum kann ich mich nicht zusammenreißen und über diese Trauer hinwegkommen? Es ist nicht so einfach, es ist eine sehr stille, sehr persönliche Trauer.

Die Leute haben mir oft gesagt, besonders wenn ich ein Kind sehr früh verloren habe, dass es ja wenigstens zu einem frühen Zeitpunkt war – aber dieses Kind wurde geliebt, vom ersten Moment an, sogar noch bevor ich den positiven Schwangerschaftstest hatte, weil ich immer künstliche Befruchtung gemacht habe. Man sucht dann schon einen Namen aus, Kinderwagen, Gitterbett, richtet das Kinderzimmer ein. Daher ist die Trauer genauso groß bei einer frühen Fehlgeburt wie bei einer späten.

Mit den Fehlgeburten abschließen werde ich nie“

Was hat Ihnen geholfen, diese Trauer zu überwinden und es trotzdem nochmal zu versuchen? War es Ihr Mann?
Warneford: Es war definitiv schwer, auch für meinen Mann. Er ist ein sehr starker Charakter und sagte immer: Was verloren ist, ist verloren, du kannst nicht zurück, du musst nach vorne schauen. Und irgendwann habe ich das akzeptiert und verstanden, was er meint: Man kann nicht ewig trauern, man muss weitermachen, das Leben geht weiter. Aber das hilft einem nicht, wenn man noch mitten drin steckt. Mein Mann war sehr unterstützend, aber für ihn war es etwas anders, weil er zwei Kinder aus einer früheren Beziehung hatte. Ich hatte keine Kinder und wollte unbedingt welche, das macht einen Unterschied.
Mit den Fehlgeburten abschließen werde ich nie. Ich werde mich immer an die Daten erinnern, an die Monate, in denen die Kinder hätten geboren werden sollen. Von manchen weiß ich das genaue Datum, von sehr frühen den Monat.

Haben Sie auch mit anderen über Ihre Gefühle gesprochen, mit Freunden oder Familie?
Warneford: Ja, habe ich, aber ich hatte das Gefühl, dass die Leute es wirklich nicht verstehen. Meine Familie sagte: Louise, meinst du nicht, du solltest aufgeben? Vielleicht hätte ich es tun sollen, aber ich bin so froh, dass ich es nicht getan habe. Das Verlangen nach einem Kind ging einfach nicht weg. Ich habe versucht aufzugeben, wirklich, bis ich dieses Buch gelesen habe: „Is Your Body Baby-Friendly“ von einem amerikanischen Arzt namens Alan E. Beer. Und ich bin immer wieder zu den Abschnitten über das Immunsystem, die Immunologie zurückgekehrt. Und zu der Zeit hatte ich eigentlich aufgegeben, weil ich dachte, ich kann das nicht nochmal durchmachen, ich kann mich nicht nochmal so quälen.

Endlich hatte ich die Antwort für meine Fehlgeburten“

Wann war das?
Warneford: Da war ich wohl so 45, 46 und dachte, jetzt musst du aufgeben. Aber ich musste wissen, warum ich so viele Fehlgeburten hatte. Alle Untersuchungen, auch in der größten Fehlgeburten-Klinik Europas in London, konnten keine Ursache finden. Dann habe ich dieses Buch gelesen, darin ging es um das Immunsystem, und ich beschloss, einen Spezialisten in Großbritannien zu finden, der mein Immunsystem testen kann. Da war ich Ende 40, und es gab zwei Spezialisten, einen in Liverpool, einen in London. Der in Liverpool wollte mich nicht mehr nehmen, weil ich zu alt war, aber der in London, Dr. Hassan Shehata, war sehr nett, und nahm mich als Patientin an, testete mich und sagte: Sie haben zu viele natürliche Killerzellen. Und ich fragte: Was heißt das? Im Grunde genommen bedeutet das, dass mein Immunsystem das Baby abstößt, als wäre es Krebs oder ein Virus. Nachdem ich mit Dr. Shehata gesprochen und das Ergebnis hatte, war ich erleichtert, weil ich endlich die Antwort für meine Fehlgeburten hatte.

Als ich gehen wollte, sagte er: Mein Behandlungsprotokoll hat eine Erfolgsquote von 85-95 Prozent, aber Sie können in Ihrem Alter nicht mehr warten. Also habe ich beschlossen, sein Behandlungsprotokoll auszuprobieren – und es hat funktioniert.

Wie hat es sich angefühlt?
Warneford: Es hat sich angefühlt, als hätte ich im Lotto gewonnen. William war nur zwei Kilo schwer, wunderschön. Dieses Jahr wird zehn.

Weiß William, dass er so etwas wie ein Wunderkind ist?

Warneford: Ja, das weiß er. Ich war immer ehrlich zu William über seine Herkunft und wie er entstanden ist. Wenn er älter ist, werden wir mit ihm nach Prag fahren, weil wir dort in der Klinik zur Behandlung waren.

Sind Sie nun eine Helikopter-Mutter?

Warneford: Nein, es ist eine normale Mutter-Sohn-Beziehung, definitiv. Aber ich hatte immer Angst, dass ihm etwas passiert, eben wegen dem, was ich durchgemacht habe. Ich bin sehr beschützend, sehr vorsichtig, was er macht, wo er hingeht, wen er trifft.
Als er geboren wurde, konnte ich nicht schlafen. Er war winzig, nur zwei Kilo schwer, und ich saß einfach da und habe zugesehen, wie er atmet, sein Brustkorb sich hebt und senkt. Ich hatte solche Angst und dachte, das würde vergehen, wenn er älter wird, aber er wird jetzt zehn, und es ist immer noch da. Ich werde diese Angst wohl immer mit mir tragen.
Wenn man versucht, ein Kind zu bekommen, denkt man nicht an die eigene Sterblichkeit, man will einfach Mutter werden. Aber wenn man dann fast 49 ist und ein Baby hat, denkt man: Oh Gott, was habe ich getan?

Denken Sie, Ihr Kinderwunsch war stärker als bei anderen Frauen?
Warneford: Ich kann das mit anderen Frauen nicht vergleichen, da meine Reise so anders war. Das Verlangen nach einem Kind ist nie weggegangen, egal wie oft ich aufgeben wollte, da war immer Hoffnung, immer der Wunsch, Mutter zu werden. Ich glaube, für manche Frauen ist nach ein paar Fehlgeburten Schluss, aber für mich war das Verlangen einfach zu stark. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber es war einfach da und ging nicht weg.

Trotzdem dieses Verlangens und den Wunsch, Mutter zu werden, gab es eine Phase, als Sie an Selbstmord gedacht haben. Dann sind Sie in Therapie gegangen. Wann war das?
Warneford: Nach meiner letzten Fehlgeburt, als ich entschied, dass es jetzt reicht, ich kann nicht mehr. Ich wollte nicht mehr leben, kam aus dem Krankenhaus, schlief drei Nächte nicht vor lauter Trauer. Ich wusste, das war meine letzte Chance, ich war Mitte 40. Ich nahm ein Glas Wasser, alle Tabletten aus dem Schrank und wollte sie nehmen, aber dann erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einer Freundin, das stoppte mich und ich suchte Hilfe bei einer Therapeutin. Sie wollte mich in die Psychiatrie einweisen, aber mein Mann Mark ließ das nicht zu. Damals war mir alles egal, ich war zu traurig. Aber mein Mann Mark hat sich um mich gekümmert, mich wieder aufgebaut, nur durch seine Liebe, sein Verständnis und seine Geduld, weil ich nur noch geweint habe. Danach entschied ich, dass ich vielleicht keine Mutter werde. Trotzdem musste ich wissen, warum das alles passiert ist.
Nachdem die Ursache gefunden war, habe ich mich noch einmal behandeln lassen. Die erste Behandlung in Prag führte leider nicht zu einer Schwangerschaft. Beim zweiten Mal wurde ich schwanger, und ich hatte die ganze Schwangerschaft über Angst. Aber das Behandlungsprotokoll hat funktioniert, für mich und wahrscheinlich für viele andere Frauen mit wiederholtem Schwangerschaftsverlust. Deshalb habe ich auch mein Buch „Baby Dreams“ geschrieben, um zu zeigen: Es gibt eine Behandlung! Wenn ich Nachrichten auf Facebook bekomme, frage ich immer: Habt ihr immunologische Tests machen lassen? Das ist das Erste, was ihr braucht, besonders wenn ihr immer wieder Fehlgeburten habt.

Wenn Sie heute auf die Fehlgeburtenzahl schauen, was fühlen Sie?
Warneford: William ist jetzt da, das wäre alles ganz anders, wenn ich aufgegeben hätte. Aber so, wie es gekommen ist, war es das wert, weil ich William sonst nie gehabt hätte. Ich liebe ihn über alles, ich hätte jedes andere Kind genauso geliebt, aber sie haben es nicht geschafft, und William war der, der geblieben ist.

Würden Sie sagen, Sie sind widerstandsfähiger als andere?
Warneford: Ja, definitiv. Ich habe mehr Trauer erlebt als die meisten Menschen je in ihrem Leben. Ich verstehe Trauer, wie sie funktioniert, alle Aspekte. Ich könnte ein Buch über Trauer schreiben. Ich bin heute viel stärker, kann vieles bewältigen.

Zeigt sich das auch in anderen Lebensbereichen?
Warneford: Ja, ich glaube, es prägt einen, verändert die Persönlichkeit, macht einen sensibler, wacher. Ich kann in einen Raum gehen und sehen, ob eine Frau leidet, egal durch welche Art von Trauer – ich erkenne das sofort.

Was ist heute Ihre größte Angst?
Warneford: Ich denke, meine größte Angst ist meine eigene Sterblichkeit. Ich bin jetzt 58, meine Mutter starb mit 56, zwei Jahre jünger als ich jetzt. Das ist meine größte Angst – dass mir etwas passiert, solange William noch ein Kind ist. Daran habe ich bei den Behandlungen nie gedacht, erst als William geboren wurde, kam diese Angst.

Halten Sie Leute für verrückt, dass Sie so viele Fehlgeburten auf sich genommen haben?
Warneford: Manche halten mich wahrscheinlich für verrückt. Aber das Verlangen ging einfach nicht weg, egal wie alt ich wurde. Ich habe Geschichten von Frauen gelesen, die mit über 50 noch Kinder bekamen. Eine Hebamme, die mit einem Kollegen meines Mannes verheiratet ist, erzählte mal, dass sie eine 52-jährige Frau hatte, die ein Baby bekam. Also dachte ich, es kann immer noch passieren.

Ich werde oft mit Williams Großmutter verwechselt, was ich verstehe und von Anfang an erwartet habe. Ich lasse mich davon nicht stören, das ist eine normale Reaktion, wenn man mit 50 ein kleines Kind hat.

Interview: Simone Zettier

Infokasten

Nachdem Sie 18 Fehlgeburten hatte und am Ende mit William, der heute zehn ist, einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat, hat die Britin Louise Warneford ein Buch geschrieben, um anderen Frauen in einer ähnlichen Situation zu helfen. Nach immunologischen Tests wurde bei ihr festgestellt, dass natürliche Killerzellen dafür verantwortlich waren, warum sie die Babys verloren hat.

Herausgefunden hat das Dr. Hassan Shehata in London, der auch die Britin Kelly Moseley behandelt hatte, die nach 20 Fehlgeburten ihren Sohn Tyler zur Welt gebracht hat.

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